Geschwister

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Meer.Es.Rauschen
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Geschwister

#1

Beitrag von Meer.Es.Rauschen »

Hallo, unser Sohn ist 6 1/2 Monate und hochgradig schwerhörig. Er ist seid vier Wochen mit HG versorgt und wir müssen abwarten wie er sich entwickelt.
Wir haben noch eine Tochter 2 1/2 Jahre die sich völlig normal entwickelt und sprachlich ihrem Alter weit vorraus ist.
Weil es heute so heiß ist liegen beide bei uns im Schlafzimmer und als sie schlafen sollten und der Kleene noch gemeckert hat fing sie an auf ihn einzureden und ihn zu beruhigen. (Sie haben sich beide nicht gesehen) Ich musste so weinen... er hört das ja ohne HGs nicht!

Ich würde gern von anderen Eltern wissen, wie der Umgang von hörenden Kindern zu ihren nichthörenden Geschwistern ist. Wie Kommunizieren sie untereinander!? Vor allem die Kleinen Kinder?!

Wenn unsere Große nachts weint, dann geh ich zu ihr rein red mit ihr und mach ihr dann ihre Schlaf CD nochmal an!
Welche Möglichkeiten habe ich da bei einem gehörlosen Kind?! Wird es darauf hinauslaufen, dass ich ihn immer zu uns ins Bett holen muss, weil er ja ohne HGs nicht hört, wenn ich mit ihm rede! Da läuft doch alles über Körperkontakt, oder?

Es sind so viele Gedanken die vor allem mir als Mutter durch den Kopf wandern, auch wenn die Situation noch weit weg ist! Ich würde mich freuen, wenn ein paar andere Eltern mir da mit ihrer Erfahrung weiterhelfen könnten!
Katja_S
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Re: Geschwister

#2

Beitrag von Katja_S »

Hallo ?,
zu dem Geschwiesterthema kann ich dir nicht sagen, da mein Sohn (jetzt 4, an Taubheit grenzend schwerhörig und mit ca. 6 Monaten HG-versorgt) keine Geschwiester hat. Wir selbst haben immer versucht, mit ihm normal zu reden und zumindest, wenn er uns gesehen hat, hat er darauf auch reagiert (er hat auch mit HG wohl keine Sprache verstanden, nur Geräusche gehört). Und macht das auch heute noch. Nur nimmt er inzwischen Sprache wahr, weil er ein CI hat, wie gut er den inn jeweils versteht, wissen wir nicht, weil er auch geistig behindert ist. Dass er Sprache wahrnimmt wissen wir, weil er immer mehr spricht und auch Fragen versteht (wenn auch noch nur einfache).
Ihn nachts zu beruhigen , wenn er weint, war und ist nie ein Problem gewesen. Einfach kurz auf den Arm nehmen und dann wieder hinlegen. Oder auch nur kurz Licht anmachen im Flur und ins Zimmer schauen, dass er einen sieht und die Schlafengebärde machen. Allerdings ist und war er da auch unproblematisch, er hat nachts selten geweint (was nicht heißt, dass er durchschläft). An CDs zum Einschlafen war er ja nie gewöhnt. Er hatte immer nur ein Kuscheltier im Bett (und das hätte er nicht wirklich gebraucht). Du musst einfach sehen, wie das bei deinem Sohn sein wird.
Vel Erfolg mit den Hgs!
Gruß,
Katja
Katja mit Erik (geb. 2008), mehrfachbehindert, u.a. sehbehindert und gehörlos
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Gabriele
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Re: Geschwister

#3

Beitrag von Gabriele »

Hallo
Ich kann die erzählen wie es bei uns war.
Als unsere älteste Hg bekam war ihr Bruder 1,5 Jahre alt. Sie haben sehr schnell raus gehabt das sie auf Blickkontakt angewiesen waren und unsere Kinder haben immer in einem Bett geschlafen.
Warum bietest du deinen Kindern keine Gebärden an?
Die Schlafsituation ist ja eine Ausnahme, sie sollen ja schlafen aber ich denke es geht um das grundsätzliche nicht hören ohne HG.
ZB wenn sie gemeinsam baden, da sind Gebärden sehr zum Vorteil. Lerne deiner Tochter ihren Bruder beim sprechen immer an zu schauen, er lernt von den Lippen ab zu schauen und es sensibilisiert sie und ihn.

Unsere drei haben dann im Alter von 3,3 Jahren, 4,5 Jahren und 13 mon. HG bekommen, sie waren von Anfang an ein unschlagbares Trio, sie haben viele Jahre in einem Zimmer geschlafen und haben drauf bestanden das aus 3 Einzelbetten ein großes gemacht wurde.

LG
Gabi
Theresa 27, beids. CI ´08 u.´10 (N5)
Reimplantation re,2011 u. 2012
Lorenz 26, beids. Hg Sophia 23, beids. CI ´09 u.11 (Hybrid L )u.Kolobom
Alle Kinder progredient.
Sabine
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Re: Geschwister

#4

Beitrag von Sabine »

Hallo,

diese Tränen habe ich auch geweint ... Alles ist neu, man meint, der ganze schöne "Plan", den man fürs Familienleben doch mehr oder weniger bewusst hatte, sei zerstört.
Mit der Zeit wird dieser neue Plan perfekt. Frage mich heute, warum ich jemals einen anderen wollte????

Unser Großer war noch keine 2 Jahre alt, als sein kleiner Bruder krank wurde und dann ertaubte. Er bekam also auch sämtliche KH-Aufenthalte, Therapien, elterliche Verwirrtheit und Verzweiflung mit.
2 und 4 Jahre später kamen dann ja noch weitere Brüder dazu, und alle drei hörenden Geschwister sind von Anfang an Experten gewesen in der Kommunikation mit dem Bruder, je nachdem, ob er seine Sprachprozessoren trug oder nicht (was nur selten der Fall war/ist, aber immerhin).
Es war wirklich unglaublich zu sehen, wie die jüngeren Brüder schon im Kleinkindstalter genau wussten, dass es einen Unterschied machte, ob der Bruder die Geräte am Ohr hatte oder nicht.

Du wirst überrascht sein, wie schnell Deine Tochter verinnerlichen wird, wie sie mit dem Bruder kommunizieren kann/muss je nach Situation.
Sie ist ja auch schon in einem Alter, in dem sie das schon verstehen kann und auch mit Eurer Hilfe da Wege finden wird.

Zu Anfang tut es Dir vielleicht noch weh, weil alles so "anders" scheint, aber es wird Dein völlig normaler Alltag werden und Du wirst vor Stolz platzen, wenn Du Deine Beiden im Umgang miteinander beobachten wirst.

Wie bei Gabi früher bestehen auch unsere Jungs noch darauf, in einem Zimmer zu schlafen, möglichst auch noch in einem (großen) Bett. Gerade jetzt in den Ferien findet da eigentlich jeden Abend eine "Mitternachtsparty" statt mit Hörbuch, Charts, Gequatsche.

Unser Sohn entscheidet jeden Abend, ob er mit oder ohne Prozessor einschlafen will. Dafür ist Deiner natürlich noch zu klein, aber es wird Möglichkeiten geben.

Wie Du es mit der Beruhigung hältst, wenn er nachts aufwacht, hängt von der Situation ab und hat gar nicht soviel mit Hören oder Nicht-Hören zu tun. Du kannst ihn ja auch ohne gesprochene Worte erreichen, ihn "beschmusen" etc.
Bei uns ist übrigens ausgerechnet der ertaubte Sohn derjenige, der nur im Stockdunklen schlafen kann ... also kein Nachtlicht etc.
Geh da nach Deinem Herz, denn gerade zum Thema nächtliche Beruhigung gibt es ja so viele Theorien und Ansätze ... von Schreienlassen bis zum Familienbett.
Generell macht es keinen Unterschied, ob das Kind hört oder nicht. Ein hörendes Baby versteht ja auch nicht, was genau Du ihm sagst, da geht es um die Beruhigung durch Deine Anwesenheit, und das kannst Du ja Deinem Sohn auch vermitteln, eben durch Streicheln etc., je nachdem, wieviel Du veranstalten möchtest, wenn er aufwacht.

Es wird alles gut werden!

LG
Sabine
Meer.Es.Rauschen
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Re: Geschwister

#5

Beitrag von Meer.Es.Rauschen »

Danke euch für die Antworten.

@ Gabi, das mit den Gebärden müssen wir uns selbst noch beibringen!
Ab wann haben eure Kids denn zusammen in einem Bett geschlafen?! Wir haben im Kinderzimmer eine große (1.40) Matratze was früher oder später auch zum gemeinsamen Kinderbett werden soll!

Hatten eure Kinder einen Laufstall? Gerade wenn sie einen nicht hören ist es doch schwierig immer hinter her zu sein! NEIN rufen bringt ja nichts ;)

@ Sabine, ja das mit dem zerstörten Plan fürs Familienleben ist wirklich so!
Ich hab Angst, dass ich der große mit dieser ganzen Sache zu viel zumute. Sie hatte bisher uns beide zu Hause nur für sich... und als der Kleene kam wars eigentlich auch kein problem mit Eifersucht oder so. Aber seid es sich nun thematisch immer nur um ihn dreht merke ich, dass sie viel mehr klammert und hinzu kommt, dass mein Mann nun auswärts arbeitet und sie noch weniger Aufmerksamkeit bekommt.
Sie ist wirklich lieb zu ihrem Bruder und er ist total begeistert wenn sie nur im Raum ist. Sie geht auch ganz normal mit ihm um! Heute hat sie ihm die HGs wieder übers Ohr gehängt als sie abgingen! ;)

Was würdet ihr sagen ist wichtig, dass wir ihr als großer Schwester mit an die Hand geben! Zum einen dieses "Sprechen, dass er ihre Lippen sehen kann" und Gebärden... und sonst!?

Wie viel läuft den tatsächlich übers Lippen lesen bei Gehörlosen bzw. Schwerhörigen!? Gerade bei angeborener Schwerhörigkeit!!?
Gabriele
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Re: Geschwister

#6

Beitrag von Gabriele »

Hallo

mach dir nicht zu viele Gedanken, deine Kinder kennen es nicht anders. Deine große wird sehr schnell merken wie sie Ihren Bruder am besten erreicht.Kinder sind da hemmungsloser und spontaner als Erwachsene, je gelassener ihr mit der Situation umgeht desto einfacher wird es.
Zu den Gebärden muss ich sagen, das meine Kinder diese erst gelernt haben als sie auf die sh Schule gewechselt haben.
Wir Eltern haben sie nicht gelernt, wir haben unseren Fokus auf die Sprache gesetzt.

Aber alle drei gebärden genauso flüssig wie sie sprechen. Da sie HG / CI tragen bewegen sie sich in beiden Gesellschaften und in beiden können sie Problemlos bestehen.

Gemeinsam in einem Bett haben sie geschlafen, als das jüngere Kind ca. 2 Jahre alt war. Aber sie haben sich schon vorher heimlich mit Bettzeug vor das Gitterbett gelegt, sie haben immer die Nähe zueinander gesucht ..manchmal lagen wir morgens auch zu fünft im Ehebett ;)

LG
Gabi
Theresa 27, beids. CI ´08 u.´10 (N5)
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Katja_S
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Re: Geschwister

#7

Beitrag von Katja_S »

Hallo,
ich würde ihr mit auf den Weg geben, dass sie ihren Bruder so normal wie möglich behandeln soll. Zumindest wäre das mein Wunsch, wenn mein Sohn Geschwister hätte.
Wir gebärden mit Erik übrigens relativ wenig, nur einige Standardgebärden wie "Guten Morgen", "Schlafen", "Essen" und "Trinken" o.ä.. Wir hatten es immer vor, zu lernen und mehr einzusetzen, haben auch Material da aber dann hat uns seine Sprachentwicklung praktisch "überholt". Im Kindergarten (Schulkiga für Seh- und mehrfachbehinderte Kinder, er hat ja noch andere "Baustellen") wird teilweise gebärdet (mit vereinfachten Gebärden), da bekommt er ein bischen was mit (Gebärden für Tiere, Sonne etc.).
Bei Erik habe ich schon den Eindruck, dass er etwas Lippenlesen kann, eben weil er auch ohne CI einzelne Wörter versteht und nachspricht, wenn er unser Gesicht dabei sieht. Aber wie das funktioniert, weiß ich nicht. Und wie er das gelernt hat...
Gruß,
Katja
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Momo
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Re: Geschwister

#8

Beitrag von Momo »

hallo meer,

ja diese tränen kennen wir sicher fast alle.
zum lippenlesen: wirklich lesen würde ich das nicht nennen, denn man kann nur ca. 30 % wirklcih sehen, den rest muss man sich aus der erfahrung/ zusammenhang zusammenreimen. letzteres fällt bei einem baby oder kleinkind, welches (noch) keine sprach(erfahrung) hat weg, so dass da nicht viele infos rüberkommen. trotzdem ist es wichtig beiden kindern zu zeigen wie wichtig blickkontakt ist beim sprechen 8auch mit hg/ ci). zusätzlich gestik und mimik, solange noch keine gebärden bekannt sind.

insgesamt: meine kinder kommunizieren gut, sowohl mit als auch ohne hg/ ci. entweder lautsprachig oder auch mit gebärden. vieles erlernen sie unbewusst (das gilt übrigens für beide!) durch unser vorbild, aber auch durch einfache altersgemäße erklärungen. so habe ich meiner tochter schon immer erklärt, dass ihr bruder ohne geräte nichts verstehen kann. sie hat sich dann viel bei uns abgeguckt im umgang mit ihm ohne hg/ ci und auch nach und nach gebärden gelernt, die wir alle unterstützend zum mundbild nutzen wenn er ci/ hg nicht trägt oder aber er weiter weg steht oder es laut drumherum ist usw. das klappt gut.

beruhigen: nun es läuft eben über andere sinneskanäle als über das hören. da musst du einfach was austesten. möglich dass ein nachtlicht (was immer an ist oder bei bedarf angemacht wird) gut ist, damit er dich sehen kann oder aber einfacher körperkontakt, um zu zeigen "alles ist gut- ich bin da". für deinen sohn ist das dann ok, er vermisst nichts, weil er ja hören nicht kennt bzw. auch so aufwächst, dass er manchmal nicht hört.

bei meinem sohn ist es übrigens genauso wie bei sabines- er hat es gerne stockdunkel, so dunkel, dass man die hand vor augen nicht sehen kann, wenn er schläft. wir haben im zimmer bei ihm eine lichterkette, die bei bedarf, wenn nachts mal was ist angemacht werden kann, damit er mich sehen kann. mittlerweile ist er aber ja auch schon so groß, dass das so gut wie nie vorkommt.

ansonsten wurde hier ja schon viel geschrieben.

ich kann mich nur anschließen: ja es ist schwer am anfang und man darf traurig sein und tränen vergießen, aber man wächst in die situation hinein und wächst auch daran- übrigens auch die (geschwister)kinder!- und alles wird gut und irgendwann auch "normaler" alltag für euch.

liebe grüße
Wiebke und Sohn (fast 21 Jahre) mit 1 HG und 1 CI
elpappo
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Registriert: 12. Apr 2011, 17:30
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Re: Geschwister

#9

Beitrag von elpappo »

Liebes Meer,

unser Großer kommuniziert wie wir mit seiner Schwester - ein buntes Mischmasch aus Lautsprache, Gebärden, Mimik, Gestik, etc. Sowohl er als auch wir "vergessen" mitunter, dass sie uns nicht hört, wenn sie ihre CIs nicht trägt. Sie selbst wirkt aber auch nicht verstört, wenn sie sie nicht trägt. Klar, die beiden sind noch sehr klein (sie 1,5 Jahre, er knapp 6) aber ich habe nicht das Gefühl, dass die beiden größere Kommunikationsprobleme haben. Eher kann man von Ihnen Gelassenheit und Natürlichkeit lernen.

Ich selbst bin relativ stark kurzsichtig und sehe ohne Brille wirklich kaum was. Manchmal denke ich, vielleicht ist das bei der Kleinen auch so - ich weiß ja nun, dass ich ohne Brille kaum was sehe und mit Brille ganz gut. Daher fühle ich mich auch ohne Brille nicht völlig unsicher und gehemmt.

Wenn nachts was bei Ihr ist, dann beruhigen wir sie so, wie wir es bei ihrem Bruder auch gemacht haben - auch den haben wir ja nicht heulend im Bett gelassen und aus der Distanz zugetextet. :) Heißt: Körperkontakt und Sprache, vielleicht nehmen wir sie manchmal eher raus, aber sonst gab es da keinen großen Unterschied, sie ließ sich auch immer gut beruhigen.

Natürlich gibt es trotzdem eine ganze Reihe an Situationen, in denen sie nichts hört. Da wir versuchen, nebenbei Gebärden zu lernen und auch Kontakt zu Gehörlosen suchen und finden, akzeptieren wir das aber auch zunehmend als normal. Klar, es bleibt für uns eine Umstellung und für sie eine Einschränkung in der Situation, aber komplett hilflos fühlen weder wir uns noch offensichtlich sie sich.

Gruß
El Pappo
[size=small]Eine Tochter Ilsa, * 2011, von Geburt an gehörlos; CI MedEl seit Dez 2011 bds.; ein Sohn * 2006, normalhörend aber nicht gehorchend[/size]
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