Hallo Musiker72,
hier vorerst eine kurze Antwort:
Musiker72 hat geschrieben:Die Hörgeräteindustrie hat das für sich vereinnahmt zu "Hörgeräte verhindern Demenz". Das ist aber so noch nicht nachgewiesen.
In der Tat. Trotzdem behaupten auch gewisse Aertzte an "renommierten" Kliniken allen Ernstes, dass dies zutreffe. Beides scheint (im Gegensatz zu meinen in der Sache korrekten Beiträgen) niemanden zu stören.
Musiker72 hat geschrieben:Vom "gesunden Menschenverstand" her halte ich die Möglichkeit, dass Hörgeräte das Voranschreiten einer Demenz eher verlangsamen als beschleunigen, für plausibler.
Tja, hier kann ich nicht ganz folgen, da ja (Deiner Ansicht nach) für einen mit Hörgeräten Versorgten ein geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken, bestehen sollte. Wenn man nun aber das Risiko der Gruppe der Hörgeräteträger mit der Gruppe der Nichtversorgten vergleichen würde*, wird (zumindest meiner Ansicht nach) mit hoher** Wahrscheinlichkeit der Vergleich zu Ungunsten der Hörgeräteträger ausfallen (da eben die Wahrscheinlichkeit, Hörgeräte zu tragen, mit zunehmendem Hörverlust und Alter ansteigen wird, parallel zum Risiko, an Demenz zu erkranken (I)). Die Veröffentlichung entsprechender (oben angeführter) unbewiesener Behauptungen halte ich (im Minimum) für in höchstem Masse unseriös, und sie untergräbt die Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen. Alles, was sie erzählen, ist also mit äusserster Vorsicht zu "geniessen", wobei man natürlich am besten selbst überprüft, was zutrifft und was nicht (sofern man dazu in der Lage ist).
*) dieser Vergleich wäre bedeutend aussagekräftiger - wenn auch hier ein kausaler Zusammenhang nicht automatisch folgt
**) zumindest halte ich die Wahrscheinlichkeit hierfür als grösser als "die für das Gegenteil" (was jedoch nicht zwingend für einen kausalen Zusammenhang sprechen müsste)
Musiker72 hat geschrieben:fast-foot dreht den Spieß nun um: Es könnte natürlich auch sein, dass Schwerhörigkeit auf einem anderen Weg als über die geringere Teilhabe an der Außenwelt zu einem höheren Demenzrisiko führt.
Ja, genau dies könnte sein - vielleicht liegt ja ein Problem mit dem Stoffwechsel zu Grunde, welches sich "sowohl negativ auf die Hör- als auch die Denkfähigkeit auswirken könnte" (ich drehe jedoch nicht den Spiess um, sondern halte mich schlicht an die Fakten, da ich bezüglich der betreffenden Thematik keine Falschaussage mache (im Gegensatz zu Hörgeräteindustrie, Aerzten etc. und auch zu Dir in Bezug auf meine Aussage)):
fast-foot hat geschrieben:Abgesehen davon besteht eine Korrelation zwischen Hörverlust und dem Risiko, an Demenz zu erkranken.
Hieraus könnte ich mit (I) schliessen, dass das Tragen von Hörgeräten Demenz fördere. Mache ich jedoch nicht. Die These ist allerdings nicht ganz abwegig (und darüber hinaus ist in der Wissenschaft eine These so lange gültig, bis ihr Gegenteil bewiesen ist).
Ich mache also (im Gegensatz zur Hörgeräteindustrie und zu Aerzten) keine Falschaussage (und meiner Ansicht nach ist es wahrscheinlicher, dass eine Korrelation zwischen dem Risiko, an Demenz zu erkranken, und dem Tragen von Hörgeräten besteht, als zwischen ersterem und dem Nichttragen von Hörgeräten (das heisst aber noch nicht, dass die Korrelation auf einem Kausalzusammenhang beruht).
Da Du es nun angesprochen hast, äussere ich mich trotzdem:
Musiker72 hat geschrieben:Der Gedanke ist natürlich naheliegend: Man könnte annehmen, dass durch die Schwerhörigkeit man weniger von der Außenwelt mitbekommt und dadurch (wegen des geringeren "Inputs") die Demenz schneller voranschreitet. Bekommt man durch die Hörgeräte wieder mehr von der Außenwelt mit und kann mehr am Leben teilnehmen, so würde das das Voranschreiten der Demenz wegen zu wenig "Input" verhindern.
Die Frage lautet auch, was man denn von der Umwelt mitbekommt. Ein grosser Teil ist akustischer Müll. Und da sich das Sprachverstehen mit zunehmendem Alter verschlechtert, wird es schwieriger, die relevanten Informationen (in nun jedoch nicht mehr verständlicher Sprache enthalten) zu entschlüsseln. Die (regelmässige) Verarbeitung genau dieser Informationen würde jedoch möglicherweise das Risiko für Demenz mindern. Andererseits bringt "hochverstärkter akustischer Müll, aus welchem man trotz Tragen von Hörgeräten keine Sprache mehr heraus filtern kann, nicht mehr besonders viel" (ausser unter anderem auch die Möglichkeit einer Zunahme der Gehörschädigung).
Relevant ist vermutlich, was jemand generell mit seinen grauen Zellen anstellt (das ist jedoch nur eine Vermutung, und möglicherweise könnte eine Ueberanstrengung ebenfalls das Risiko für Demenz erhöhen).
Musiker72 hat geschrieben:Genauso wird man bei einer Schwerhörigkeit, die im Alltagsleben schon spürbar ist, das (geringe) Risiko einer Hörverschlechterung in Kauf nehmen, weil man ohne Hörgerät eben nicht hören kann.
Ich habe nie etwas gegen eine entsprechende ENTSCHEIDUNG geschrieben (im Gegensatz zu sehr vielen Usern hier, für welche es nur eine Möglichkeit gibt, also gar keine (Möglichkeit zur Abwägung und) Entscheidung). Das bewusste Fällen einer Entscheidung kann jedoch desto besser ausfallen, je umfassender und hochwertiger die über die ensprechenden Zusammenhänge verfügbaren Informationen sind.
Abgesehen davon: Das Risiko fällt möglicherweise um so geringer aus, je besser man noch hört (in der Tendenz). Wenn man also "ohne Hörgeräte nichts mehr hört", dürfte bereits ein beträchtliches Risiko vorhanden sein (wenn man den Ueberlegungen die Arbeiten von Dieroff zu Grunde legt). Die Berücksichtigung der Umstände, dass Hörgeräte 1. nicht genau eingestellt werden müssen (und auch nicht können) und 2. die Gefahr einer Hörschädigung beim Einstellverfahren praktisch überhaupt keine Berücksichtigung findet (sondern nur die subjektive Empfindung), und dass bei vorgeschädigten Ohren auch so etwas wie eine "schädigungsresistenz" eintreten kann (und oftmals wird), dürfte die Tendenz allerdings aufweichen.
Und ob das Risiko wirklich "so gering ist, wie Du behauptest, möchte ich in Frage stellen. Da ja die Grenzwerte mittlerweile je nach Empfehlung bei 79 dB bzw. gar 70 dB angesetzt werden, wobei erwiesen ist, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung ein besonders schädigungsanfälliges (in Bezug auf Lärm) Gehör besitzt (hier müsste man die Frage nach den Grenzwerten gesondert klären, was vermutlich nicht möglich sein wird - demnach könnte man es sinnvollerweise so handhaben, dass man jede zusätzliche Belastung als zusätzliche Gefahr ansieht (betroffen sind ungefähr 5 bid 10 % der Bevölkerung) - wobei es natürlich so sein wird, dass ein noch grösserer Prozentsatz (vielleicht 30 % ?) der mit Hörgeräten versorgten betroffen ist.
Generell ist es auch wichtig, zu wissen, dass die Schädigung über einen Zeitraum von Jahren und Jahrzehnten erfolgt (wobei aber etwas salopp ausgedrückt "alles ausschliesslich aus einer kurzfristigen Perspektive betrachtet wird").
Allerdings ist Lärm bei weitem nicht der einzige Faktor, welcher zu Schädigungen des Gehörs führt (das habe ich auch gar nie behauptet). Aber vermutlich ein häufig anzutreffender (als Ursache für eine starke Zunahme von Hörverlust bei der jungen Bevölkerungsgruppe wird Lärm als entscheidener Faktor vermutet). Und natürlich ist es auch nicht so, dass bei Vorliegen anderer Ursachen Lärm nicht mehr schädigend ist (Ausnahmen ausgenommen).